«Komische Zeit» - Rückblick Novembergespräche

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Die drei Abende der ökumenischen Novembergespräche zum Thema «Komische Zeit» wurden von der evangelischen Kirche Schwyz und Brunnen, der katholischen Kirchgemeinde Schwyz und dem Kloster Ingenbohl organisiert. Eine erfreuliche Anzahl Personen nahm das Angebot wahr und verfolgte in zwei Räumen (mit Zertifikat und ohne Zertifikat per lifestream) im evangelischen Kirchenzentrum die spannenden Referate.
Teodor Nicolae Mada,
Den ersten Abend eröffnete Dr. Doris Schneider-Bühler, Ärztin, Therapeutin und Coach mit dem Thema «Zeitmanagement? Gut ist besser als perfekt». Die heutige Zeit wird gemessen an Erfolg, Macht und Prestige und weniger an Lebensfreude, guten Beziehungen und Lebenszufriedenheit. Die normalen Rhythmen wie sie die Natur vorgibt, werden kaum mehr eingehalten. Keine Zeit zu haben, ist normal. Aus Angst, nicht zu genügen, lassen wir uns immer mehr antreiben, immer mehr, immer besser. Wohin das führen kann, beschrieb Doris Schneider mit Beispielen aus ihrer Praxis. Perfektionismus sabotiert Gesundheit, Beziehungen und Lebenszufriedenheit. Die Pareto-Regel zeigt auf, dass 20% Aufwand 80% Erfolg bringen. Es gilt also, die gesunden Rhythmen wieder zu entdecken, die 5 auch mal grade sein lassen und auch kleine Erfolge zu feiern. Unsere Lebenszeit ist ein Geschenk. Auch die Bibel zeigt uns den Umgang mit der Zeit: Arbeit am Tage, wohlwollender Rückblick am Abend und Ruhe in der Nacht und wöchentlich ein Ruhetag. Es gibt eine Zeit der Saat, des Wachstums, der Ernte und der Winterruhe. Jesus hat drei seiner 33 Jahre Lebenszeit sehr effektiv genutzt. Er hat sich voll konzertiert auf das, was seine Aufgabe war, obwohl die Erwartungen seiner Anhänger ganz anders aussahen. Werden wir uns wieder bewusst, dass wir selber entscheiden können, was unser Leben bestimmt: Eine Stoppuhr oder ein Kompass?
Der beeindruckende Vortrag von Prof. Fulbert Steffensky am zweiten Abend stand unter dem sehr erlösenden und von ihm mehrmals angesprochenen Motto: Wir müssen nicht ganz sein. Es genügt oder ist sogar schon viel, wenn es gelingt, unsere Aufgaben halb zu lösen. Kein guter Vater, Lehrer, Ehepartner, Pfarrerin ist ganz, aber gelungene Halbheit ist gut genug. Im Bewusstsein, dass Gott uns alle kennt, können wir uns davon befreien, perfekt sein zu müssen. Die Ganzheitszwänge steigen da, wo der Glaube schwindet.
Der Vortrag gliederte sich in einen Teil zum Thema «die schwere Krankheit» und einen zum Thema «Endzeiten». Die Krankheit kann uns lernen, dass die bejahte Bedürftigkeit der Grundzug der Humanität ist. Steffensky formuliert hier den Gedanken, dass auch Gott bedürftig ist. Er erläutert es später damit, dass Gott uns liebt. Und ein Liebender ist stets bedürftig, hat das Bedürfnis nach der Zuneigung derer, die er liebt, nach deren Treue und nach deren Präsenz.
Da, wo Krankheit und Leiden nicht heilbar ist, müssen wir aufgeben, unter allen Umständen zu siegen. Das betrifft auch Ärzte, Pflegende und Angehörige von kranken Menschen.
Beim Thema «Endzeit» spricht Steffensky sein eigenes hohes Alter an (er ist 88). Vielen ist das Sterben schon gelungen und er hofft, dass es auch ihm gelingen werde. Der Gedanke, dass es nicht in unserer Hand liegt, wie und wann wir sterben, ist befreiend. Steffensky betont, dass es wichtig ist, selbst zu leben, um nicht gelebt zu werden. So können wir auch mit Dank abgeben.
Auf eine Zuschauerfrage äussert sich Steffensky zum Thema Exit: Er ist nicht grundsätzlich gegen diese Lösung, sieht aber ein grosses Problem darin, dass der Mensch alles selber planen will. Steffensky plädiert dafür, auszuhalten, was man aushalten kann.
Der Vortrag liess das Publikum mit befreienden Gedanken zurück – da hat jemand zu uns gesprochen, der weit gekommen ist in seinem geistigen Leben.
Am 3. Abend stellten der Philosoph Dr. Klaus Opilik und der Physiker Dr. Erhard Jordi im Zwiegespräch Theorien zu Raum und Zeit auf. Dass wir vermutlich nicht wie an den bisherigen Abenden mit neuen Erkenntnissen und Antworten nach Hause gehen werden, sondern eher mit Unklarheiten und offenen Fragen, wurde bereits zu Beginn angekündigt.
Die Philosophen der Antike bissen sich schon die Zähne aus an der Frage, was Zeit überhaupt ist. Aus der Zukunft entsteht für einen Augenblick Gegenwart und schon ist sie wieder Vergangenheit. Die Zeit verflüchtigt sich dauernd, sie flutscht irgendwie vorbei und Bewegung und Zeit gehören irgendwie zusammen. Es stellte sich auch die Frage, ob Zeit endlich oder unendlich ist.
Für die Physiker war es anfänglich einfacher: "Zeit ist, was man an der Uhr abliest." Aber die Relativitätstheorie und später dazu gemachte Experimente brachten diese Feststellung teilweise wieder ins Wanken. Es wurde auch über das Modell der Evolution des Universums seit dem Urknall, der nach physikalischen Berechnungen vor etwa 13,81 Mia. Jahren stattgefunden haben soll, gesprochen.
In der Runde mit Fragen aus dem Publikum ergaben sich dann noch weitere Feststellungen: Es gibt jedenfalls einen Unterschied zwischen der physikalisch gemessenen Zeit und der subjektiv erlebten Zeit (z.B. Zahnarztbesuch versus Rendezvous). Oder: Die empfundene Zeit hängt davon ab, wofür sie verwendet wird. Und die Zeit bleibt ein Rätsel. Aber das Wissen, dass wir einmal sterben werden, die Endlichkeit, macht die Zeit für uns Menschen wichtig.

Antonia Fässler, Peter Krähenmann, Erhard Jordi
NG 2021
Die komische Zeit
07.12.2021
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